Das Paradoxon des Bogenschießens

Stelle ich mir Pfeil und Bogen vor, dann ist es der Bogen,
der mir Halt und Sicherheit gibt. Ich schmiege mich an ihn,
bin ganz nahe, spüre seine Vibration, seine Spannung,
sein Versprechen, mich zu halten. Lehne mich an ihn,
seine Kraft umschmeichelt mich. Fühle seine Energie,
kurz bevor er mich loslässt, bis an die Grenze pulsierend.
Sein Zögern dann, dieser Moment zwischen den Zeiten,
dieser Stillstand, diese ruhige Sicherheit in ihm,
dass ich nur seinen mir zugestandenen Flug wagen werde.
Bin ihm ganz, ganz nahe, und dann nehme ich ihn in mich hinein.

Mein Weg, sein Ziel. Mein Zittern, sein Beben.
Der Sinn seiner Existenz reduziert auf die Schönheit
meines Fluges. Ganz bei mir und ganz weit weg
von ihm und doch so nah, weil es ihn und mich,
in diesem Moment, in dieser Form, nur geben kann,
weil er und ich nur sind, was wir sind, gemeinsam.

Seine Qual lässt meinen Schmerz ein wenig schweigen.
Diese Stille in mir, wird später der Balsam sein für seine Wunden.

Kontrolle

Du hauchst ein Ja mit bittersüßen Augen
und atmest Nein auf Nein
stabiles Mauerwerk errichtend

Du modellierst jede Anweisung
zu einem bezogenen Ich
Gefälligkeiten verschenkend

Du kniest ein wenig zu steif
empört, wenn eine Hand
deinen Nacken tiefer beugt

Du drehst und wendest jedes Wort
mit gefälligem Lächeln
so dass es deins und das letzte

Kritisches Wort bringt dich
zum Weinen über Ungerechtigkeiten
den Ausgang schon im Blick

Du träumst wohlig von schmerzenden Spuren
in grellen und schönen Farben
den Weg dorthin ausgeblendet

Spinnst Außenfäden fest in deiner Hand
übersehend das Geflecht
das dich in dir dadurch bannt


Du gibst dich hin und vieles ab
behältst dich doch in Ganz bei dir
ganz dünner Boden, kein webendes Wir

BDSM

Weil ich immer mal wieder danach gefragt werde:

Vor vielen Jahren entdeckte ich eine für mich neue Welt: Die virtuelle Welt. Da Sprache mein Medium ist und Bilder im Kopf mein Zugang zur Welt, war dies wie eine Reise in ein neues, wunderbares Universum. 
Ich habe diese Welt naiv, neugierig und atemlos erkundet und exzessiv in Sprache und Bildern gebadet. Und ich habe dort unter anderem auch eine Subwelt, eine Nische gefunden, die manchen alten und neuen inneren Bildern in mir befreiende Worte und neue Rahmen gegeben hat. Die sogenannte BDSM-Szene, unter anderem auch die SZ. 
Das war prima und sehr aufregend erregend. Ich war hungrig und ich aß mich satt an all den Diskursen, Gesprächen, dem schriftlichen und realen Austauschen. Bilder in Sprache fassen, theoretische Konstrukte bis zum Grunde durchdenken und die dazugehörigen Worte ins reale Leben herüber holen und dort zu schmecken, zu prüfen, zu verwerfen, in den eigenen Lebensentwurf real hinein zu nehmen und die neuen Bilder wieder in Sprache in die virtuelle Welt zurück fließen lassen. Schnell, atemlos, experimentierend, zwischen beiden Welten hin und her rasend. Laborratte und Forscherin in einer Person. Jesses, war das geil. 
Und natürlich war abzusehen, dass dies alles irgendwann ein Ende in dieser Form und Schwerpunktsetzung haben würde.
Mittlerweile hat die virtuelle Welt diesen Zauber für mich verloren. Das Internet ist für mich zu einem Informations- und Kommunikationsmedium unter vielen anderen geworden. Nicht mehr wegzudenken, aber auch nicht mehr so zentral. Ein tolles Hilfsmittel. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Und auch die Nische des BDSM ist als solche keine befruchtende mehr für mich. Das, was mir vor Jahren noch als neu und aufregend erschien, hat sich mittlerweile mit meinen Lebenserfahrungen, meiner Geschichte, meiner Persönlichkeit vermischt. Der Hauch des „Besonderen“ hat sich verflüchtigt. Vieles, was mir in der Sprache und in den Gedankenwelten  des BDSM als Neuland erschien, stellte sich mittlerweile als Altbekanntes heraus. Das meiste, als exklusiv vermutete, reale und virtuelle SM-Gedöns entpuppte sich im konkret realen Leben als die bekannten (zwischen)menschlichen Fragen und Stolpersteine und die Antworten finden sich für mich eher in anderen Bereichen des menschlichen Lebens denn in den Nische des virtuellen und realen BDSM.

So bleibt SM für mich ein Teil meiner Persönlichkeit, der allerdings mittlerweile integriert ist in viele andere, grundlegendere Bereiche meiner Person und meines Lebens. Eine Option, eine Möglichkeit, eine Bereicherung unter vielen anderen halt. Der Zauber der Exklusivität ist verschwunden und damit auch deren Begrenzung und Einmauerung. Eine für mich subjektiv wunderbare und freudig begrüßte Entwicklung.

Verliebt sein

Dieses Prickeln, wenn der Andere den Raum betritt. Dieses ihn spüren, auch wenn man ihn noch gar nicht mit den Augen erkannt. Seinen Geruch in der Nase, sofort. Dieses umeinander schleichen, abtasten mit allen Sinnen. Der Tanz mit den Worten und die aufbrausende Geilheit im Kopf, wenn die Worte sich nicht erklären müssen und Geist und Seele sich so fett angefüttert fühlen.
Dieses Werben, Umkreisen, dieses Wechselspiel von Distanz und Nähe; näher, näher, zurück, drei Trippelschritte nach links, zwei nach rechts, näher, vor, zurück
Der Einbruch des Anderen in die eigenen Träume. Begehren, irrsinnig, verrückt, ziellos, wachsend.
Die ersten beiläufigen Berührungen. Schauder, Gänsehaut, Zittern, feuchte Lippen. Die Verabschiedung des Verstandes und jedweder Zeigefingerzweifel. Loderndes Feuer und erlösendes Verbrennen. 
Jesses, manchmal zieht sich das eine Ewigkeit und es ist und bleibt etwas absolut Besonderes.

Sonntagsspaziergang

(Fingerübung, für sie)


Boah, das Brett war viel zu dünn und die Grube ist eindeutig zu tief. Jetzt liegt sie drin. Bewegt sich aber recht hektisch, scheint sich nicht verletzt zu haben. Zieht Schmollmündchen und guckt ein wenig verdattert. Dann ist es ja gut. Muss ich mich erst mal hinsetzen, so an den Rand, die Füße baumeln lassen. Entspannt. Kommt sie aber nicht ran, nicht mal gestreckt und auf Zehnspitzen.

„Kannst du mich jetzt endlich mal raus holen!“

Was für ein Ton. Für die Jahreszeit ist die Sonne gegen Abend noch recht warm. Ich strecke ihr mit geschlossenen Augen mein Gesicht entgegen. 

„Hallo! Machst du jetzt mal was!“

Der Boden ist ein wenig feucht vom letzten Frühlingsregen. Aber es sprießt schon alles sehr lebendig. Es krabbelt sogar schon recht munter.

„Du, Schatzi, hier gibt es schon ganz viele Käfer. Asseln? Ne, eher Ohrenkriecher. Und da, schau mal, wenn ich ein wenig in der Erde grabe, da sind auch Regenwürmer. Wie süß, richtig dick sind die schon.“

Ich wühle mit der rechten Hand und zieh zwei, drei von den Dingelchen in die Länge. Darum wächst hier alles so gut, die Erde ist bestens durchlüftet.

„Guck, Liebes, sowas brauchen wir unbedingt auch in unserem Garten. Das spart eine Menge Arbeit. Die kann man lebend kaufen und aussetzen. Ich denke, das sollten wir mal tun.“

„Spinnst du. Du kannst die doch nicht einfach hier runter werfen!“

Jetzt kreischt sie aber. Viel zu hoch. Sie weiß doch, dass ich das nicht ausstehen kann. Wie oft habe ich ihr das schon gesagt? Sie kapiert es einfach nicht. Ärgerlich. 

„Hol mich jetzt endlich hier raus, du blöde Kuh!“

Oh. So schrill. Das schmerzt. So hinter den Augen. 

„Liebes, der Spaziergang, so weit ab von der Straße, durch all dieses Gestrüpp, hat mich ein wenig erschöpft. Ich denk, ich fahre nach Hause und lege mich für einen Moment hin. Mach dir keine Sorgen um mich, es geht mir bestimmt in ein paar Stündchen besser und dann sag ich dem Gerd von nebenan Bescheid, der kann mit der Leiter kommen. Falls er die nicht verliehen hat. Ach, wir bekommen das schon hin, mein Liebling.“

„Hey! Bleib hier! Hol mich hier raus!“

„Moment, warte Schatz. Hier ist noch ein Stöckchen, falls außer all den Krabbeltieren noch ein paar Ratten oder Mäuse auftauchen. Ja ja, die mögen die Dämmerung. Dann sind die lieben Viecherl wie verrückt auf Nahrungssuche. Besonders jetzt im Frühling. Die Aufzucht, du weißt schon. Ein hartes Geschäft. Da nimmt man, was man kriegen kann. Du bist so süß, wenn du so guckst, Schnuffelchen. Hab dich lieb. Bis später dann.“

Kusshändchen werfend umarme ich sie mit meinem liebenden Blick und schlag mich mit viel Geräusch in die Büsche.



Der Himmel ist ganz klar in dieser Nacht. Auf dem Rücken liegend folgen meine Augen dem Lauf der Sterne. Ab und zu tauchen die Lichter eines Flugzeuges auf. Meine Gedanken plätschern. Die Decke habe ich mir aus dem Auto geholt und sie leise ein paar Meter entfernt von der Grube ausgebreitet. Das Schrillen hinter der Stirn hat nachgelassen. Das nur noch leise Weinen von unten umspült mich sanft. Ich spüre tiefe Zärtlichkeiten in mir.

Halte dich.

Deine Hände zittern. Dein Mund murmelt Bläschen kauend zahnlos vor sich hin. Ab und an zuckt dein Bein, wie das eines kleinen Hündchens, im Schlaf. Dein Atem geht schwer und zögerlich. Deine Augen, vom Sandmann bestäubt, schauen blicklos zwischen den gefalteten Lidern hervor. Seit Stunden liege ich neben dir. Dein Anblick ermüdet mich nicht. Immer noch nicht. Nach all den Jahren, so vielen Jahren, kenne ich jede Regung, jeden Atemzug von dir. Bin ganz bei dir, ahne jede Zuckung, jedes Räuspern, jeden Aussetzer schon im Voraus. Atme mit dir. Du bist mir so nah. Hineinkriechen möchte ich in dich. Unsere Häute miteinander vernähen, dich ausfüllen mit mir, mich durchdrungen fühlen von dir. Streichelnd wandern meine Hände über deinen Körper, begrüßen jede Falte, jede Kuhle wie alte Freunde. Halten inne, erinnern sich gemeinsam. Ich halte dich. Du hältst mich. Auch wenn deine Arme keine Kraft mehr haben mich zu umschlingen, webst du wie immer einen sicheren Kokon um mich. Flüsternd ziehe ich dich mit mir in unsere Bilderwelt. Hauche Liebesworte, die unseren, sanft in dein Ohr. Singe dir unsere Träume, unser Leben, unsere Hoffnungen. Halte dich. Halte dich. Halte dich. Atme weiter für dich, wenn dein Atem nun schweigt. Lass dich gehen. Nehm dich mit.  

Wünsche

Wie wünsch ich mir, du würdest dich erinnern an all die ungeweinten Tränen, die du in dich hinein gefressen hast. Weil da niemand war, der sie gerne genommen und bei sich aufbewahrt hätte wie einen wertvollen Schatz.

Wie wünsch ich mir, du würdest dich erinnern an all die kleinen Wunder, die dich umgaben und über die du mit niemandem sprechen konntest. Weil da niemand war, der sie voll Staunen mit dir teilen wollte.

Wie wünsch ich mir, du würdest dich erinnern an den Hunger, der in dir brannte und den du dann doch immer nur mit Ungesundem besänftigen konntest. Weil da niemand war, an dem du dich satt essen durftest.

Wie wünsch ich mir, du würdest dich erinnern an den Geruch von fremder Haut und den Geschmack von zärtlicher Berührung, die dir doch nur beiläufig und unabsichtlich für einen kurzen Moment zu genießen erlaubt waren. Weil da keine Aufmerksamkeit und keine Liebe um dich waren.

Wie wünsch ich mir, du würdest dich erinnern an all das Schöne und Wunderbare, dass dir als Gabe mit auf den Weg gegeben wurde und das du verloren hast in all den Wirrungen deines Lebens. Weil da niemals jemand war, der dich eine Weile gebend begleitet hat.

Wie wünsch ich mir, dass du meine Hand nähmest, in der ich all deine ungeweinten Tränen auffangen würde.

Wie wünsch ich mir, dass wir unser Staunen über all die verrückten Dinge des Lebens teilten und unser gemeinsames Lachen neue Wunder gebären ließe.

Wie wünsch mir, dass du dich so an mir satt äßest, dass dein Hunger für eine Weile wirklich gestillt wäre.

Wie wünsch ich mir, dass der Geruch meiner Haut deine Sinne berauschen und meine Zärtlichkeiten dich liebevoll ertränken würden.

Wie wünsch ich mir, für eine kleine Weile an deiner Seite zu sein.